die annäherung zweier epidermen am logischen tränenf(l)usz
brief an eine dame
liebe dame,
wir sollten einander zeichen senden, wintermelander und melissen, kulissentee und hornissengeist,
geister zwischen all dem untermelanin. mögen Sie melasse (maleasse)?
der abfall vom wein ist das weinen lassen, nämlich ein fall und ein fortlauf von dingen.
liebe dame, auch ich möchte fortlaufen, auch von Ihnen, ... fortlaufen ... und immer sind sie doch da,
diese gebinde, bündel von reiseruten, nach nirgendwohin, gerisse, zerrisse und alles nur papier.
papier, auf dem alles beginnt, begann und geduldig sein ende findet.
das fade ende eines anfangs oder der anfang eines faden endes?
eine fadenheftung also, der grund einer lockenden verbindung ... so sind wir dem faden verhaftet
in unserer anhaltenden verpflichtung, in den verkettungen verschlungener, verschlingender dinge;
liane und lasso und schlinge, zeichen neben den fäden gehefteten papiers, lingualfäden auf den weiszheiten der binsen ...
gestern träumte ich, dasz ich mit Ihnen ging.
als ich Ihr haar berührte, verbrannte es mir die finger.
mit einem atemzug wie seide kühlten Sie meine hand.
Sie zerflieszen in einem meer von tränen?
dafür danke ich Ihnen.
weinend zu Ihren füszen
Ihr h.
und die dame schreibt jenem herrn:
lieber herr,
ja, wir sollten unsere zeichen senden in der manier des mäanderns, und ja, ich mag den wein, das weinen der reben
und das reben lassen.
auch ich träumte von Ihnen, lange bevor Sie mir Ihr bündel übersandten mit den reiseruten, den abreibungen Ihrer hand,
die gehauchten und geschlagenen laute, die aufgebundenen schwingungen aus ungefülltem raum die in meinen tränen verschwimmen
zu fremden reiseformen des wassers, gebündelt und gebändelt, gegängelt wie an einem gängelband;
mein herr, ariadnes faden leitet immer zu ariadne zurück.
und ich träumte einen traum wie in einem gräsernen behältnis,
als Sie das rot aus meinen haaren greifen wollten und der wind uns auseinanderrisz und ich danach umgeben war von tausenden
gewässern, wasser in allen verhältnissen, auf- und ab-, vor- und ver- und zu-behältnissen.
ich schleuderte diesen traum aus wasser, ganz aus wasser, aus.
mein lieber herr, ich bin, ebenso wie Sie, nicht geboren, um freuden zu bringen. ich sitze in einem sessel voll gelber
überspannungen und fertige leere skizzen mit bundbeschuhten händen. die wände meiner räume sind schwarz und an den gewänden
hängen rote glieder, doch meine ich inzwischen, das schwarz der wände nervt mich.
in einer verrückung des dunkels vertauschte ich die dinge und fand heraus,
am ende habe ich immer nur gleiches mit gleichem getauscht.
haben Sie mich eigentlich bemerkt, damals, als ich Ihnen nahe stand, so nahe, dasz ich in Ihrem schatten verglühte
und fiel wie in ballen vollkommen durchnäszten papieres?
so finde ich ein wenig trost in den wellungen und kerben Ihres schreibens, in den aufschlägen Ihrer hand auf
diesem permagenten seidenpapier, denn ich habe keine empfindungen an dem glatten und geglätteten der dinge.
lassen Sie uns also die fäden verlassen und den schnitt vollführen.
machen wir einen spaziergang ins hirn und schaben an unseren ansichten, den restansichten nüchterner träger.
lieber herr, in meinem meer von tränen sehe ich Sie, weinend zu meinen füszen, geschnürt mit dem ölgetränkten mark der binsen.
bewegt sich das wasser oder sind Sie es, der sich darin bewegt?
wann bringen Sie mein haar zum leuchten?
Sie haben mir nie eine antwort darauf gegeben.
Ihre d.
der herr antwortet der dame:
liebe dame,
wir sollten keine zeit, sondern nur uns selbst in uns selbst verschwenden!
wann machen Sie sich auf den weg zu mir?
und ja, ich habe Sie bemerkt, damals, als ich vergeblich versuchte, einer stumpfen platte mit kalter nadel
das letzte licht einzuhauchen.
auch ich möchte Ihnen ein wenig auskunft über meinen zustand geben, auch in der hoffnung, Sie mögen sich zum unverzüglichen
aufbruche entschlieszen.
ich schlage hier wohl tausendmal meinen kopf gegen die wände und komme doch nicht voran, denn mir fehlt eine hand, Ihre hand,
eine hand von stärke.
leicht, leichten fuszes und mit groszen schritten durchrenne ich die zimmer, immer im wettkampf mit den rändern
und kaum habe ich zwei stücke verbunden, verläszt mich der stoff und ich versehe die stücke in stille, verpackt in tüten.
kein sand glättet meine rauhen ränder. meine stirn mit dem bewölkten stich bleibt sägegezähmt und die wiederholung tanzt
wie ein schmetterling; ich begiesze sie mit fett, um davon verschont zu bleiben.
liebe dame, schon sehe ich die sonne in meiner schwarzen tasche untergehen und werde, um das hirn zu stärken, mir nun zwei gills
zu einem chopin darreichen.
zu grosz ist das argusauge zwischen den anderen farben.
ertränkt in einer samtenen rebendoldenessenz sende ich Ihnen dies gekörnte papier und frage:
wann kommen Sie und beenden dieses leben in meinem kopf?
in erwartung Ihrer antwort verbleibend, lege ich die tage zu mehreren reihen in grau.
ich verehre Sie sehr.
Ihr H.
p.s. ich bringe Ihr haar zum leuchten, sobald Sie bei mir sind.
tragen Sie noch die roten früchte der spirren in Ihrem flatterbinsenhaar?
und die dame schreibet dem herrn
lieber, lieber sehr verehrter h.,
ich bin versteinert. die gedanken der stillen wände breiten sich scheppernd aus zu scharfen wanderschaften.
unbeachtet eines abschieds von alten plätzen reiszen sie alles mit.
mich widert das weisze fleisch an. mein eigenes fleisch, in seiner fahlheit.
zwei unserer briefe kreuzten sich und ich steinigte mein angesicht.
im verlaufe des spiegelns sichtgemangel.
werden Sie endlich zu mir kommen?
jch schreibe ellenlange abrisse über die nichtsnutzigkeit der tage, an denen Sie sich mir vorenthalten.
danach kippe jch einfach um und beliebe liegen zu bleiben, bis zum schlaf. einschlaf.
keine gegenkraft mehr, um den einschlaf aufzuhalten.
jch zwinge mich zum wieder-aufstehen, denn jch möchte Sie doch noch einmal sehen.
nur ein einziges mal noch, würfel und neun rollen.
das wasser steigt nicht mehr, aber es umspielt mein knie. keine klagen, keine klänge;
jch bespiele mich selbst, der länge nach, lagen.
lange nächte, stille tage oder umgekehrt?
wann werden wir uns wiedersehen?
mäusetot und läuserot sind des königs liebste kinder.
an meiner haut scheiden sich wasserkristalle.
jch schnitt mein haar für Sie ab und gab es der alten norne,
auf dass sie uns gnädig gestimmt sei
für Ihre oder auch meine
überfahrt.
sehtang im stürmischen frühjahr,
zeit der verreisung.
Ihre, und nur Ihre
dame L.
aus liebe zum leben
das ausleben
liebe
liebe
liebe
zum ausleben
dieses leben
lebensvlies
lebensverlies
lauf
lauf
lauf
laufleben
zum auf-leben
zum aufgeben
auf
auf
auf
liefer feil lief
tiefer feit tief
fiel
fiel
fiel
zum leben aus liebe
aus
aus
aus